Untersuchung der Persönlichkeit von Frauen und Männern im Spitzenfußball

Zusammenfassung:

Persönlichkeitsunterschiede zwischen Frauen und Männern sind in der Wissenschaft seit vielen Jahren bestätigt. Dennoch konnte die Forschung bisher kaum Informationen zu den Persönlichkeitseigenschaften von weiblichen und männlichen Spitzensportlern erlangen, obwohl die Persönlichkeit ein erfolgsbestimmender Faktor zu sein scheint. Deshalb besteht das Ziel dieser Arbeit darin, potenzielle Geschlechterunterschiede von Fußballern/innen auf nationalem Spitzenniveau in den Big Five Dimensionen aufzudecken. Die Fußballer/innen (N = 204) wurden anhand des NEO-FFI im Rahmen einer Online-Befragung und der wissenschaftlichen Arbeit eines Bundesligisten untersucht. Es ergaben sich Unterschiede in zwei der fünf Big Five Dimensionen. Spitzenfußballerinnen zeigen demnach höhere Werte des Neurotizismus (U = 2830.500, Z = -3,970, p < .001, r = .277) und der Verträglichkeit (U = 2389.000, Z = -5.120, p < .001, r = .358) als ihre männlichen Kollegen. Es bleibt unklar, ob die Unterschiede durch den Spitzenfußball hervorgerufen werden oder ob sie denen der allgemeinen Bevölkerung entsprechen. Diese Wissenslücke könnte zukünftig durch längsschnittliche Untersuchungen geschlossen werden.

Theoretischer Hintergrund:

Das Fünf-Faktoren-Modell (oder auch “Big Five”) unterscheidet fünf übergeordnete Persönlichkeitseigenschaften, nach denen sich die Persönlichkeit von Menschen einteilen lässt. Diese fünf Faktoren sind:

  • Neurotizismus → Eigenschaften, wie z.B. Nervosität, Ängstlichkeit, Gefühlsschwankungen
  • Extraversion → z.B. Geselligkeit, Ungehemmtheit, Aktivität
  • Offenheit für Erfahrungen → z.B. intellektuele Neugier, Gefühl für Kunst und Kreativität
  • Verträglichkeit → z.B. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Wärme im Umgang mit anderen
  • Gewissenhaftigkeit → z.B. Ordentlichkeit, Beharrlichkeit, Zuverlässigkeit

Diese fünf Eigenschaften sind in der Wissenschaft seit vielen Jahren bestätigt. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern wurden in einigen Studien untersucht. Demnach zeigen Frauen höhere Werte in Bezug auf Neurotizismus, Extraversion und Verträglichkeit (Feingold, 1994; Costa, Terracciano & McCrae, 2001; Schmitt, Realo, Voracek & Aliik, 2008).

Im Spitzensport und Spitzenfußball scheint die Persönlichkeit ein entscheidender Faktor zu sein (Durchsetzungsvermögen, Mentalität, Disziplin). Dennoch bestehen kaum Erkenntnisse zu den Unterschieden zwischen weiblichen und männlichen Spitzensportlern/innen. Die folgende Arbeit hat sich mit genau dieser Frage beschäftigt.

Untersuchungsablauf & Stichprobe:

Im Rahmen der Studie wurden die Persönlichkeitseigenschaften von Spitzenfußballern und -fußballerinnen (N = 204, Durchschnittsalter = 21.46 Jahre) untersucht und miteinander verglichen. Die männlichen Teilnehmer (N = 61, Alter = 22.16 Jahre) spielten allesamt in der 1. Bundesliga der Senioren oder in einem zugehörigen U19-Team. Die weiblichen Teilnehmer (N = 143, Alter = 21.17 Jahre) waren alle in der 1. Bundesliga aktiv oder spielten für U20-Mannschaften in der 2. Bundesliga. Alle Versuchsteilnehmer füllten das NEO-FFI aus, ein Fragebogen zur Erfassung der fünf Persönlichkeitseigenschaften (Big Five).

Ergebnisse:

Männliche Spitzenfußballer und weibliche Spitzenfußballerinnen unterscheiden sich in zwei der fünf Eigenschaften signifikant. Frauen zeigen sowohl höhere Werte des Neurotizismus (U = 2830.500, Z = -3,970, p < .001, r = .277) als auch der Verträglichkeit (U = 2389.000, Z = -5.120, p < .001, r = .358). Verdeutlicht sind die Unterschiede im unteren Schaubild. Für die übrigen drei Eigenschaften konnten keine statistischen Auffälligkeiten gefunden werden.

Mittelwerte der Big Five von männlichen und weiblichen Spitzenfußballern/innen

Talktics-Fazit: Ähnlich wie in der allgemeinen Bevölkerung unterscheiden sich Männer und Frauen auch im Spitzenfußball hinsichtlich ihrer Persönlichkeit. Jedoch bleibt die Frage zu klären, ob diese Persönlichkeitsunterschiede komplett mit denen der allgemeinen Bevölkerung übereinstimmen oder ob sie durch die besonderen Gegebenheiten des Spitzenfußballs erfordert oder entwickelt werden. Hierzu sind weitere Untersuchungen notwendig. Durch weitere Erkenntnisse könnten zukünftig Fortschritte im nationalen Spitzenfußball der Frauen und Männer erzielt werden. Zum einen durch die präzisere Talentselektion im Nachwuchsfußball durch die Berücksichtigung von Persönlichkeitseigenschaften. Zum anderen durch die genaue Auswahl von Persönlichkeitstypen für eine optimale Kaderzusammensetzung und durch optimierte Betreuungs- und Trainingsmöglichkeiten durch eine individuelle Betrachtung der Persönlichkeit jeder Fußballerin und jedes Fußballers. Auf diese Weise sollten die deutschen Nationalmannschaften sowie der deutsche Vereinsfußball zukünftig einen kleinen aber entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Nationen erlangen, um sich langfristig in der Weltspitze halten zu können.